DAS AYURVEDISCHE PRINZIP: DIE KYBERNETIK DER DREI DOSHAS

Wer erste Schritte zur praktischen Anwendung des Maharishi Ayurveda gehen möchte, muss nur zwei grundlegende ayurvedische Gesetzmässigkeiten verstehen. Sie lauten:

1. ALLES, WAS AUF UNSEREN ORGANISMUS EINWIRKT LÄSST SICH DEN DREI DOSHAS VATA, PITTA UND KAPHA ZUORDNEN.

Dies gilt für Nahrung ebenso wie für jegliche Sinneserfahrung. Sehe ich die Farbe Rot, wird mein Pitta angeregt; esse ich etwas Süßes, wird Kapha stimuliert; gönne ich mir nicht genügend Ruhe, nimmt Vata zu. Neben diesen Einwirkungen von außen beeinflußt auch jeder innere Vorgang meines Organismus die drei Doshas: Wenn ich nervös bin, steigt Vata. Ein aggressiver Gedanke stimuliert Pitta, ein liebevoller Kapha.

2. UNSER ORGANISMUS IST EIN KYBERNETISCHES SYSTEM, DAS MIT HILFE SEINER KOMPLEXEN REGELKREISE KONTINUIERLICH VERSUCHT, STÖRFAKTOREN AUSZUGLEICHEN.

Beispielsweise bemüht sich der Körper, einen dauernden Vata-Stimulus durch Aktivierung seines eigenen Kaphas zu kompensieren. Sind die Regulationsreserven jedoch einmal erschöpft, gleitet der Organismus in eine Krankheit ab.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass sich die Funktionen der Doshas innerhalb eines natürlichen Spielraums bewegen. Ein Gleichgewicht dieser drei Prinzipien dürfen wir nicht als starres Verhältnis von Vata, Pitta und Kapha begreifen. Die drei Doshas stellen sich und ihre gegenseitige Beziehung auf veränderte Bedingungen ein: ein Prozess fortwährender und äußerst dynamischer Anpassung. Gesundheit ist kein Zustand, Gesundheit ist ein Prozess. Jeden Augenblick erwerben wir sie uns neu.

WIE ENTSTEHT EINE KRANKHEIT?

Hippokrates hat einmal gesagt: “Krankheiten fallen nicht einfach vom Himmel, sie sind vielmehr das Resultat all der kleinen Sünden, die wir täglich begehen.” Drängt beispielsweise ein permanenter Vata stimulierender Einfluss das Vata-Prinzip aus seinem natürlichen Spielraum, so entsteht eine Vata-Störung. Sie kann sich zum Beispiel in Form von Nervosität, Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder Verdauungsstörungen äußern. Solche Symptome entwickeln sich nicht an einem Tag, sondern über einen längeren Zeitraum.

Der Körper wird so lange wie möglich versuchen, durch Aktivierung des Vata ausgleichenden Doshas – Kapha – die drohende Störung zu bannen. Ist jedoch die Kapha-Reserve erschöpft, erstarrt dieser Kompensationsmechanismus, und die Vata-Störung manifestiert sich endgültig. Weitere äußere Vata- Einflüsse verstärken nun ungehindert die Störung; der Organismus hat ihnen nichts mehr entgegenzusetzen. Man kann das mit einer Feder vergleichen, die sich zwar lange Zeit wachsender Zugkraft anzupassen vermag, bei Überdehnung aber ihre Elastizität verliert und in ihrer Verformung erstarrt.

SPIELRAUM DER DOSHAS

Der natürliche Spielraum von Vata, Pitta und Kapha heißt im Maharishi Ayurveda prakriti. Übersetzt bedeutet prakriti: die Natur eines Menschen – die natürliche, ideale Funktionsdynamik eines individuellen Organismus. In der modernen Chaosforschung nennt man den Spielraum, in dem sich ein System am wohlsten fühlt, Attraktor. Unsere individuelle Natur, unser prakriti, besitzt eine unwiderstehliche Anziehungskraft für das Wechselspiel von Vata, Pitta und Kapha. Oder, modern ausgedrückt: Unser prakriti ist der Attraktor für die Doshas. Die Doshas suchen diesen idealen Spielraum, und diese Suche bestimmt, wie unser Geist-Körper-System auf äußere Einflüsse reagiert.

IN PRAXIS

Stellen Sie sich vor, es ist ein heißer Sommertag. Sie schwitzen und haben starken Durst. Nur noch ein Gedanke kreist in ihrem Kopf: Jetzt etwas Kaltes trinken!” Welch eine Erleichterung empfinden Sie, wenn das kühle Naß Ihre Kehle hinunterläuft. Doch was bemerken Sie schon ein paar Minuten später? Zu ihrem Verdruß schwitzen Sie noch mehr. Was ist passiert?

Die hohen Außentemperaturen führen dem Organismus Pitta zu. Als Reaktion darauf senkt der Körper seine eigene Pitta-Produktion auf ein Minimum. Wenn Sie nun etwas Kaltes trinken – das Getränk hat um die 5’C, liegt also etwa 30 Grad unter der Körpertemperatur -, geben Sie Ihrem Körperinneren die Information: “Hier ist es kalt.” Wie wird Ihr Organismus reagieren? Er wird mehr Wärme produzieren. Und da er zuvor sein inneres Pitta auf ein Minimum reduziert hat, bleibt ihm ausreichend Reserve für eine spürbare Steigerung. Neben dem äußeren Pitta-Einfluß nimmt also auch noch das innere Pitta zu. Resultat: Es ist Ihnen noch heißer.

GLEICHGEWICHT IN UNSERER HAND

Was können wir aus diesem Beispiel lernen? Wir können die Regelkreise in unserem Organismus schützen oder schädigen. Angewandt auf den heißen Sommertag bedeutet das: Trinken Sie etwas Warmes, zumindest Zimmerwarmes – beispielsweise einen Pfefferminztee -, dann steigt Ihr inneres Pitta nicht, und die Minze neutralisiert die Hitze von außen.

Lassen Sie uns dieses Beispiel noch etwas erweitern, um das ayurvedische Regulationsprinzip noch gründlicher zu verstehen:

Es ist kein heißer Sommer-, sondern ein kalter Wintertag. Wenn man bei großer Hitze etwas Warmes trinken sollte, müßte man eigentlich im Winter etwas Kaltes trinken, um die Wärmeproduktion des Körpers anzuregen. Aber warum stimmt diese Logik jetzt nicht? Ist es draußen kalt, versucht der Körper durch sein eigenes Pitta, die Kälte auszugleichen. Das körpereigene Pitta arbeitet im Bereich seines Maximums. Wenn wir nun etwas Kaltes trinken, verstärken wir Kapha (das selbst kalt ist) und vermindern zunächst Pitta. Wir frieren. Der Körper versucht, mit einer weiteren Pitta- Steigerung gegenzuregulieren, ist jedoch dazu nicht mehr imstande, da das Pitta-Prinzip bereits im Bereich seines Maximums arbeitet.

Durch die Kälte von außen strauchelt der Organismus und verliert sein Gleichgewicht. Kapha nimmt zu und wir frieren. Genauso verhält es sich, wenn wir uns in einem warmen Zimmer aufhalten und es draußen kalt ist. Die Heizung läuft mit maximaler Stärke. Öffnen wir nun für eine Weile das Fenster, sinkt die Raumtemperatur ab. Da die Heizung bereits im Bereich des Maximums arbeitet, kann sie den plötzlichen Kälteeinbruch nicht mehr kompensieren.

DIE KÖRPERINTELLIGENZ BELEBEN

Haben wir einmal den Regulationsmechanismus der drei Doshas verstanden, begreifen wir auch schnell das Konzept einer ayurvedischen Therapie. Solch eine Behandlung muß immer ganzheitlich sein. Sie steckt die Rahmenbedingungen ab, die dem Organismus helfen, seine Regulationsreserven neu aufzubauen, die Störungen zu beheben und sein natürliches Gleichgewicht wiederzufinden.

Seien es Pancha-Karma, Transzendentale Meditation, ein ayurvedisches Heilmittel oder eine gesunde Ernährung – alle Maßnahmen dienen dazu, unsere Körperintelligenz zu beleben. Diese Körperintelligenz ist die Intelligenz der Natur. Sie steuert unser inneres Gleichgewicht, reguliert die Dynamik der Doshas und verkörpert den Arzt in uns. Vergessen wir nie: Der eigentliche Arzt ist immer der Arzt in uns selbst.

Autor: Dr. med. Ulrich Bauhofer